Common Purpose / June 1 2026

Perspektivwechsel mit Natascha Sagorski

Natascha Sagorski ist familienpolitische Akteurin, Autorin und Speakerin. Nach ihrer eigenen Erfahrung mit einer Fehlgeburt setzte sie sich drei Jahre lang für einen gestaffelten Mutterschutz nach Fehlgeburten ein. Auf ihre Petition und Gesetzesinitiative hin wurde dieser Anfang 2025 vom Bundestag beschlossen. Damit hat Deutschland nun eines der fortschrittlichsten Gesetze zum Mutterschutz weltweit. Wenn ihr die Gelegenheit habt, sie bei einem Vortrag oder einer Lesung zu erleben: unbedingt hingehen!

Bio photo of Natascha Sagorski
Wo erlebst du Perspektivwechsel, Natascha?

Mein größter Perspektivwechsel war sicher, als ich als eine Beobachterin des politischen Geschehens mitten hineingesprungen bin in die aktive Politik und nach drei Jahren Engagement im Deutschen Bundestag saß, als „mein“ Gesetz einstimmig beschlossen wurde. Ich hatte 2019 eine Fehlgeburt und die behandelnde Ärztin stellte mir mit den Worten „Sie können morgen wieder ins Büro“ keine Krankschreibung aus. Nachdem ich für ein Buch recherchiert hatte, dass viele Frauen Ähnliches erfahren, fand ich das so ungerecht, dass ich eine Petition für einen gestaffelten Mutterschutz startete. Einem Mutterschutz, der auch Frauen nach einer Fehlgeburt ein kleines Wochenbett ermöglicht. Mit diesem Anliegen rannte ich in der Politik bei Weitem keine offenen Türen ein und es folgten drei Jahre zwischen Bundestag, Bundesrat, Bundesverfassungsgericht, sehr vielen Bahnbonus-Punkten, dem Gründen einer NGO und meiner Familie mit zwei kleinen Kindern.

Als Politikwissenschaftlerin brachte ich zwar einiges an Wissen zu Politik mit, aber meine Perspektive war eher eine passive. Klar gab es immer wieder Dinge, mich umtrieben und von denen ich dachte, „Da müsste man mal politisch aktiv werden!“. Aber der Alltag – Job, Familie, Hobbys – trieben mich mehr um. Die To-Do-Liste war immer länger als die politische Zündschnur. Das änderte sich mit der Fehlgeburt und der Wut, dass dieses Tabu-Thema politisch einfach ignoriert wurde. Diese Wut hat mich dazu gebracht, meine Perspektive zu wechseln, mich erstmal nur emotional und später dann auch professionell hinter dieses Thema zu stellen und von einer Zuschauerin des politischen Geschehens zu einer politischen Akteurin zu werden. Dieser Perspektivwechsel war anstrengend, manchmal frustrierend, kostete viel Kraft und Mut und war für mich ein echter Wendepunkt. Eins weiß ich sicher: Ich würde ihn immer wieder aufs Neue wagen.

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