Hella Sinnhuber im Gespräch mit den Geschäftsführerinnen im Job-Sharing

 

Käthe & Lena, warum habt ihr euch für den 3. Sektor entschieden? Warum gemeinsam nach Teach First Deutschland für Common Purpose?

Käthe: Weil ich mich im dritten Sektor zuhause fühle und gefühlt immer dort war. Die Entscheidung habe ich früh getroffen über die Studienwahl und Co, um genau diesen Sektor in Deutschland mitzugestalten und zu professionalisieren. Auch weil ihm so ein wenig das Image von Muff und Lahmheit anhaftet.

… und was hast du studiert, Käthe?

… Kultur und Medienmanagement. Dann habe ich Fundraising und Grantmaking in New York studiert mit einem Stipendium der Studienstiftung. Schon damals war das Ziel, das Gelernte in Deutschland umzusetzen. Fundraising war hier noch nicht so aufgestellt wie in den USA. Für amerikanische Kinder ist es hingegen ein beliebter Berufswunsch: „I want to become a Fundraiser!“

Im Tandem, weil Lena mich gefragt hat – es braucht ja manchmal die richtige Frage von der richtigen Person!

Und Common Purpose, weil ich immer mitmachen wollte und es nie dazu gekommen ist! Und dann dachte ich: JETZT! Jetzt geht es, jetzt mache ich´s. Und, ja, ich hatte auch Lust auf etwas Neues. Bei Common Purpose mitzuarbeiten passt in meine berufliche Biografie und das Image der Organisation ist seit Jahren bei mir total positiv konnotiert. Zudem, ich habe es mit Leadership, daran werden wir uns noch reiben! Leadership bedeutet für mich Verantwortung für Veränderung zu übernehmen, allein und in Kooperation, unabhängig von Alter oder beruflicher Stellung, von sozioökonomischem Hintergrund oder Bildungsgrad. Ich hoffe, dass ich das bei Common Purpose so in den Programmen wiederfinden und weiterentwickeln kann.

Lena: Common Purpose ist mir eher direkt vor die Füße gefallen! Mir war klar, eine Geschäftsführung erfordert eine Vollzeit-Präsenz und die will ich im Moment nicht leisten. Gleichzeitig weiß ich, dass es Bereiche gibt, in denen andere besser sind als ich. In diesem Sinn ist mir Käthe eingefallen. Meine Common Purpose Teilnahme am Navigator Programm ist zwölf Jahren her, die intensiven Eindrücke von damals waren auf einmal wieder ganz präsent. Menschen in ihrer Verschiedenheit zusammen zu bringen und Gemeinsamkeiten entdecken und entwickeln zu lassen war schon immer eins meiner Herzensthemen – übrigens auch das, was mich an Schule begeistert. Ich wusste, hier kann ich mich weiterentwickeln, davon will ich mehr. Und dann habe ich eine Nachricht an Käthe geschrieben: „Verrückte Idee, wollen wir das zusammen machen?“ Mir war klar, wie gering die Wahrscheinlichkeit wäre, dass es in ihren Alltag mit drei Kindern genau jetzt passen würde. Aber sie schrieb direkt: „Ja lass uns das probieren!“ So ging der Prozess weiter, wir entschieden: Wir verkaufen uns nicht, wir lesen keine Leadership Bücher für die Vorstellungsgespräche. Wir sind einfach wir selbst und sagen, was wir können und was nicht. Und dann hat es gepasst.

Welches Studium hast du abgeschlossen, Lena?

Sonderpädagogik auf Lehramt mit dem Fach Deutsch. Ich habe in dem Bereich viel gemacht zu inklusiver Schulentwicklung und zur inklusiven Weiterentwicklung von Systemen. Das ist etwas, was übergreifend gesellschaftlich anschlussfähig ist…

Hamburg, Berlin, London, 5 Kinder, Ehemänner…. Raus aus der Komfortzone ist Bestandteil der „Duo-DNA“ Käthe und Lena. Systeme zu managen gehört zu eurem Alltag. Wie bekommt ihr das hin?

Käthe: Ich habe gemerkt, je größer die Verantwortung umso weniger fühlt es sich nach Arbeit an.

Lena: Und ich habe ja immer eher Angst, dass mir langweilig wird, als dass es zu viel wird. Von daher ist diese Situation ganz komfortabel für mich.

Käthe: Wenn die Kinder auf dem Spielplatz spielen, kann ich gut telefonieren oder auch am Handy arbeiten. Meinen Kindern ist es auch meist ganz recht, dass ich sie dabei in Ruhe lasse und kein Helikopter bin. Sie klettern selbst aufs Gerüst, und ich bin dafür da irgendwann zu sagen: In 10 Minuten gehen wir nach Hause! Common Purpose nehme ich also mit auf den Spielplatz – ohne die Aufgabe hier marginalisieren zu wollen.

Lena: Spielplätze sind übrigens so gebaut. Wenn Kinder irgendwo allein rauf kommen, reichen die motorischen Fähigkeiten auf jeden Fall auch zum wieder Runterkommen. Nur der Mut nicht immer...

Wie alt sind Eure Kinder?

Käthe: 11 Monate, 4 und 7 Jahre.

Lena: Meine sind 6 und 9 Jahre alt.

Hut ab für Euren Mut! London ist das Headquarter von Common Purpose international, auch dort werdet ihr agieren müssen….

Käthe: …mit Bezug auf London sind wir entspannt. Wir sind Onlinemeetings gewohnt. Teach First Deutschland arbeitet ja auch dezentral und hat in Teach For All eine sogenannte Umbrella Organisation in den USA, mit der viele Abstimmungsprozesse laufen. Früher waren es Telefonate, dann kamen Skype und Zoom, bevor Videotelefonate über „Teams“ Trend wurden.

Lena: Ähnlich wie Common Purpose hat Teach First Deutschland auch unabhängige Länderorganisationen, die aber unter dem Dach des internationalen Netzwerks Teach For All zusammenwirken.

Käthe: Lena und ich haben immer von Hamburg und Berlin aus zusammengearbeitet.

Lena: … nie an einem Standort zusammen, wenn dann nur tagesweise. Ich weiß gar nicht ob es funktionieren würde, Käthe, das müssen wir noch mal rausfinden 😊...

Führung! Habt ihr Vorbilder, wie wollt ihr führen?

Käthe: Ich habe nicht die eine Philosophie, eher ein Set an Konstanten: Klarheit, schnelle Entscheidungen und Kooperieren mit offenem Visier sind meins, auch das Adressieren von schwierigen Themen. Gleichzeitig finde ich es wichtig, adaptiv und empathisch auf die:den individuelle:n Mitarbeitende:n einzugehen, in der Idee Stärken zu stärken und mit dem Anspruch, gemeinsame Ziele zu erreichen. Ja, doch, darin ist mir Ulf Matysiak, mein ehemaliger Chef bei Teach First Deutschland, ein Vorbild. Ob er das liest? Ich würde ihn gerne dabei beobachten 😉.

In unser Arbeitsverhältnis sind viel Zeit, Zuhören, Zutrauen geflossen, aber auch Konflikt, und Reibung. Eine Betriebsratsgründung, drei Elternzeiten und zwei neue Stellenzuschnitte später lief es rund, bestimmt auch, weil wir uns immer wieder ganz aktiv zu unserer Zusammenarbeit ausgetauscht haben. Die Initiative ging dabei meist von Ulf aus. Das finde ich bemerkenswert gut. Und das hat bei mir befördert, dass ich mich mit Verve in den Dienst der Organisation und, ja, in seinen Dienst gestellt habe. Des Leaders Traum!

Lena: Ich kann nicht eine Person als Vorbild benennen, ich gehe durch die Welt und sehe dauernd Menschen, die mich auf ihre Art und Weise anregen und ich denke, oh cool, bestimmte Dinge möchte ich auch so lösen oder machen. Zum Beispiel, wie meine Friseurin ihren Salon führt, da sage ich oft: Wow! Den hat sie auf so gute Weise im Griff! Oder letzte Woche, als “Fettes Brot” ihre Auflösung auf geniale Weise angekündigt haben, habe ich gedacht, die sind ein Vorbild! Seit Jahrzehnten wahnsinnig viel gute Laune zu verbreiten, Spaß zu haben, keinen Wortwitz auszulassen und dann in bestimmten Momenten einen Punkt zu setzen, sehr ernsthaft zu werden, den Mund aufzumachen, klar Stellung zu beziehen – diese Mischung finde ich super, das möchte ich mir abgucken. Von solchen Beispielen könnte ich noch unzählige nennen. Das setzt sich mosaikartig bei mir zusammen.

Leading Beyond Authority - dazu inspirieren Common Purpose Programme. Was denkt ihr darüber?

Lena: Meine Formel lautet: Egal wie stressig es um mich herum ist, ich versuche immer nach rechts und links zu schauen, was da los ist. Das ist das Gefühl, was ich aus meiner Programmteilnahme mitgenommen habe.

Käthe: Ich habe eine große Lernkurve vor mir, weil ich meinen Anspruch, meine Interpretation mit der von Common Purpose abgleichen muss. Für mich ist Leading Beyond Authority selbst zu erkennen, wo es Verantwortungsübernahme braucht und den Rahmen für die Umsetzung zu schaffen. Das mache ich, das erwarte ich, dafür begeistere ich gerne. Ich persönlich bin nur irritiert, wenn mir jemand sagt, das durftest Du aber nicht, das hättest du jetzt nicht gesollt! Das gab es in der Vergangenheit auch schon mal.

Lena: Das verbindet Käthe und mich, dass wir beide diese Erfahrung gemacht haben, dass es Kontexte gibt, wo Menschen eher genervt reagieren, wenn man sich über den eigenen, originären Bereich hinaus einmischt. Wir erleben das aber beide als sehr positiv, dass man mit offenen Augen durch die Welt geht und denkt, da könnte ich etwas beitragen oder da kann ich mich - eher demütig - in den Dienst stellen…

Käthe: … und nicht im Sinne von ICH KANN das, sondern eher bedarfsorientiert: oh, da ist etwas offen und ich sehe, es hat niemand Zeit oder Energie sich zu kümmern, also mache ich es mit der Grundhaltung: Es gibt eine Baustelle und ich bin bereit an der Lösung mitzuarbeiten oder sogar die Lösung zu liefern ohne jegliche Profilierungsambition.

Lena: …noch ein Gedanke dazu der für mich prägend ist: Situationen, in denen ich dann überlege, mache ich das jetzt oder ist es grenzüberschreitend - wenn man dann den Mut hat sich einzubringen mit einer Wertschätzung und Respekt für den Anderen, dann ist es in den allermeisten Fällen so, dass daraus ganz tolle Dinge entstehen.

Frag nicht um Erlaubnis, bitte um Verzeihung…

Käthe: Ha, das sagt mein Schwager immer…aber auf Englisch, auch wenn er die Kurkarte für den Strand nicht dabei hat… Doch nochmal zurück zu Leading Beyond… Für mich ist Leading vor allem kommunizieren. Du musst mit Leuten reden, besser mehr als weniger, und das heißt vor allem zuzuhören Und das ist auch etwas, was ich mit unseren Rollen bei Common Purpose verbinde. Wir sind Vermittlerinnen, Übersetzerinnen, Mediatorinnen. Lena, so schön, wie Du immer sagst: “Jedes Team tickt wie ‘ne Schulklasse. Am Ende kann ich fast alles übertragen.”

Welchen Mentalitätsunterschied hast du im Vergleich zu den Amerikanern festgestellt?

Käthe: Wir sind gelassener, finde ich. Im Job in New York habe ich die Kolleg:innen sehr viel getriebener, hierarchischer erlebt. Sie sind stark an definierten Zielen orientiert und dadurch beim Arbeiten sehr klar. Vieles davon hat Wert übertragen zu werden - das Gefühl von Druck und Stress, das würde ich nicht übertragen wollen und das wünsche ich den Amerikanern auch anders. Gleichzeitig mögen sie sich auch gerne so „rennend“, glaube ich.

Gibt es noch die klassische „Meilensteinplanung“ oder ist das die alte Arbeitswelt? In welchen Zeiträumen wollt ihr was erreichen?

Lena: Wenn wir über 5 Jahre reden, gibt es eine Vision und ein Ziel, aber nicht mehr die definierten Meilensteine. Dafür ist unsere Welt viel zu schnelllebig gerade und es passieren jetzt Sachen, die wir noch nicht antizipieren konnten als wir im Juni die Übergabe mit Julika Rollin gemacht haben, politisch wie gesellschaftlich. Wir müssen viel agiler sein, als bei einem „Meilenstein durchdefinierten 5 Jahre-Plan“. Also immer wieder schauen: Was ist der nächste Schritt, der uns dem Ziel näher bringt? Und wenn er gegangen ist, prüfen, ob die Richtung weiterhin so stimmt.

Unsere Vision für Common Purpose in 5 Jahren ist: Wir sind deutlich größer, wir sind deutlich diverser, es ist kein Programm, in dem sich ausschließlich Akademiker treffen (noch so ein Herzensthema von mir) und deutlich internationaler - innerhalb Deutschlands und auch mit Bogen in andere Länder.

Käthe: Und ich will uns und anderen bewiesen haben, das Job-Sharing mehr ist als die Summe aus zwei halben Vollzeitäquivalenten, ein echtes Ad-on. Bei Meilensteinen denke ich auch eher an meine Familie, an Themen wie Kita-Eingewöhnung, Einschulung, Wechsel auf die weiterführende Schule. Mit drei kleinen Kindern denke ich Privates und Berufliches auf mittlere Sicht zusammen. In 5 Jahren brauchen mindestens zwei Kinder noch viel ihre Eltern, mein Mann hat dann (wahrscheinlich) einen anderen Job, wir wohnen womöglich andernorts. Das muss und will ich in Einklang bringen und damit dem Team auch Vorbild sein.

Welche Schwäche sollte man dem Team nicht verheimlichen?

Käthe & Lena: Keine einzige, denn sie finden eh alle raus.

Lena: Ein Satz, der mir aus meiner Lehrerausbildung im Kopf geblieben ist: „Die Schüler:innen machen so lange Krawall, bis die Maske fällt. Sie wollen einmal wissen, wer hinter der Maske ist, und dann kannst du vernünftig mit ihnen arbeiten!“ Ich glaube so ist es immer, wenn du mit Menschen eng zusammenarbeitest, sie wollen einmal wissen, wer hinter der Maske steckt und dann beginnt sich Vertrauen zu entwickeln.

... und welche Stärke sollen wir beschützen?

Lena: Humor! Humor hat auch immer etwas mit Leichtigkeit zu tun.

Käthe: Bei mir ist es sogar „Galgenhumor“, der trägt mich ganz oft, ganz weit. Und außerdem ist eine gute Intuition auch schützenswert, finde ich ­− die ist kaum zu lernen, dafür viel zu leicht abzutrainieren.

 

Käthe und Lena, ganz viel Erfolg und eine glückliche Hand für die „Gemeinsame Sache“ als Außen- und Innenministerin im Tandem!