Alle sprechen immer nur von Krise, wie schlimm und belastend Krisen sind, aber selten darüber, wie man sich auf Herausforderungen besser einstellen kann. Es ist meine feste Überzeugung, dass eine Krise, so schlimm sie im Moment des Geschehens empfunden wird, immer auch eine Chance und einen Wendepunkt darstellt. Hier halte ich es mit den chinesischen Schriftzeichen, welche sowohl das Zeichen für Gefahr als auch das für Chance beinhalten.

Als Betreiberin und Geschäftsführerin von Pflegeeinrichtungen bin ich Krisen in jeder Form seit jeher gewöhnt. Personalkrisen, Qualitätskrisen, finanzielle Krisen im Familienunternehmen, Verkauf und Stilllegung von Einrichtungen und nun, im Jahr 2020 eben auch noch die Corona-Krise. Auch im Privatleben bin ich von so mancher Herausforderung wie z.B. dem frühen Tod meiner Mutter, nicht verschont geblieben.

Und um ganz ehrlich zu sein, all diese Herausforderungen haben zunächst ihren Tribut gefordert und mich als Person und als Führungskraft durchaus ins Wanken gebracht. Eine Zeitlang fühlte ich mich, wie wenn mir der Boden unter den Füßen fehlte. Die erlebten Krisen haben mir einiges abverlangt, an Geduld und Durchhaltevermögen. Aber auch die Änderung der Vorstellung, dass ich das alles allein lösen muss. Oder dass andere Menschen, Situationen, die Umstände, der Weltgeist oder was auch immer für meine Misere verantwortlich zu machen ist. Gerade in den schlechten Zeiten habe ich, im Rückblick gesehen, das meiste gelernt. Über mich, über andere und über Führung.

Die Quintessenz ist für mich dabei, dass gerade dann und ganz besonders wenn sich ein langwieriges Krisengeschehen ankündigt, darauf zu achten ist, selbst im Gleichgewicht zu bleiben. Nur so gelingt es, das immer wirksame Credo „Keep calm and carry on“ umzusetzen.  

Als Führungskraft im Sturm gilt es vorneweg zu gehen, andere zu stützen, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Emotionen gezielt einzusetzen. Ich nenne das scherzhaft immer „mit dem Frontalhirn arbeiten“.  Und das geht nur, wenn man selbst in sich ruht und ausgeruht ist.

Was bedeutet das konkret? Nehmen Sie sich Zeit für Ruhepausen. Gönnen Sie sich ein Wochenende, ohne erreichbar zu sein. Nein, niemand ist so unersetzlich, dass er 48 h das Handy nicht abschalten könnte. Sorgen Sie für Ihr soziales Netz, für Leute und Aktivitäten, bei denen Sie ihren Akku aufladen können. Wenn Sie sich noch nicht im Klaren sind, was genau Ihnen hilft, probieren Sie es aus. Sauna, Yoga, Joggen, Filme schauen, Lesen, Handwerken oder einfach nur auf der Couch liegen und die Wand anschauen - alles ist erlaubt, was hilft. Und reden Sie mit anderen, tauschen Sie sich aus. Mit Freunden, Gleichgesinnten und in Netzwerken. Ja, ich weiß. Am Anfang erscheint das als zusätzliche Belastung. Aber der befreiende Effekt wirkt Wunder und gibt Ihnen neuen Mut. Gerade dann, wenn Sie sich eh schon verbissen haben, lassen Sie kurz los, treten zurück und überlegen, was jetzt wirklich wichtig ist. Versuchen Sie sich von außen zu betrachten. Konzentrieren Sie sich aufs Wesentliche und seien Sie durchaus rigoros mit allem und allen die Ihnen Energie rauben. Versuchen Sie ausreichend zu schlafen und ernähren Sie Ihren Körper gut und gesund. Für anstrengende Diäten und Selbstkasteiung ist nun ebenso wenig Zeit wie für Völlerei und viel Alkohol. Essen und Trinken Sie, was Ihnen gut tut. Und ja, dass kann trotz allem die Pizza und das Glas Rotwein sein. Aber dann vielleicht am nächsten Tag mehr Obst und Gemüse zu sich nehmen. Damit hat auch Ihr Geist genug Kraft, die eigenen Ängste und Sorgen im Zaum zu halten.

Als Führungskraft selbst kommunizieren Sie klar und deutlich. Trauen Sie sich, Ihren Mitarbeitenden klare Anweisungen und Delegationen zu geben. Auch wenn das moderne, agile Führungsideal vermeintlich anders ist.

Dennoch: Sie schränken mit klaren Statements niemanden ein. Im Gegenteil: Sie geben damit Orientierung im Sturm. Und das ist eine elementare Aufgabe von Führungskräften in Krisenzeiten. Das bedeutet auch nicht, dass Sie alles allein regeln und übernehmen. Weisen Sie Aufgaben und Verantwortlichkeiten klar zu. Sie werden sehen, es funktioniert.

Auch wenn es herausfordernd und schwer klingt und man sich als Führungskraft oft genug denkt „Immer muss ich dies, immer muss ich das. Und jetzt soll ich auch noch...“ Ja. Weil Sie es können. Sie sind die Führungskraft.

Und wenn es ganz hart auf hart kommt, dann halten Sie es mit Epikur:

„Ein einziger Grundsatz wird Dir Mut geben, nämlich, dass kein Übel ewig dauert, ja nicht einmal sehr lange.“

Verlieren Sie also nie den Mut. Auch nach der dunkelsten und längsten Nacht geht die Sonne wieder auf und es beginnt ein neuer Tag.

Führung in der Krise ist meist kein Sprint, sondern ein Marathon - teilen Sie sich Ihre Kräfte ein und lassen Sie zu, auch mal müde und erschöpft zu sein. Und lassen Sie zu, dass man Ihnen hilft. Nur wenn Sie sich gut führen, führen Sie andere gut.